Etwas lebt in dir

Etwas lebt in dir

16. April 2019 Focusing 0
Ein Gesicht, welches sich aus dem Formlosen entwickelt.

Der Felt Sense nimmt eine Form an (Bild von Gerd Altmann auf Pixabay)

Es lebt. Es lebt in dir. Kannst du es hören? Es spüren? Es sehen? Manchmal ist es kaum wahrnehmbar. Ein leichter Druck irgendwo im Körper, ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, ein Bild oder eine Erinnerung taucht auf.

Du denkst, das ist doch nichts. Das sind bloß irgendwelche Gedanken, irgendwelche Fantasien, die willkürlich aufgetaucht sind.

Manchmal wird es auch stärker. Du denkst ständig über etwas nach. Über einen unangenehmen Vorfall oder ein Problem auf der Arbeit, welches du unbedingt lösen willst. Die Gedanken kreisen und du kannst kaum mit dem Denken aufhören.

Emotionen tauchen auf. Du bist wütend auf jemanden oder hast Angst, etwas zu tun, was du schon lange tun wolltest. Aber du traust dich nicht und nörgelst stattdessen ständig rum.

Du denkst dir: Ach, die Emotionen gehen schon vorbei, der Stress wird nachlassen und irgendwann wird alles besser.

Nichts davon geschieht willkürlich. Das ist alles in dir. Es lebt in dir. Es führt sein eigenes Leben. Es will mit dir sprechen. Es macht sich immer mehr bemerkbar, aber du hörst nicht zu.

Das lebendige Etwas ist formlos

Dieses lebendige Etwas ist ein Teil von dir, welches eine gewisse Form annimmt, wenn es mit dir kommuniziert. Dies kann zu Beginn so subtil sein, dass du es noch nicht mal bemerkst. Auch ist es schwer zu beschreiben, da es für das Wahrgenommene keine konkreten Wörter gibt. Es ist einfach zu diffus oder zu formlos.

Das lebendige Etwas übernimmt die Kontrolle

Wird das lebendige Etwas ignoriert, macht es sich mit der Zeit stärker bemerkbar, zum Beispiel unter anderen durch:

  • Emotionen wie Angst, Traurigkeit oder Wut, ohne die angenommenen Ursachen positiv beeinflussen zu können.
  • Unzufriedenheit mit dem, was in deinem Leben passiert.
  • Unfähigkeit, Probleme lösen zu können.
  • Süchte und Abhängigkeiten, Durchführung von Handlungen, die du nicht willst.
  • Aufschieben oder Nichterledigen von Dingen, die du machen willst.

Die Veränderung im Außen

Du gerätst in eine Situation, die du verändern willst. Schaffst du diese Veränderung, dann ist alles wunderbar. Doch was ist, wenn du selbst durch die größte Willensanstrengung keine Veränderung erreichst? Wenn du gegenteilige Dinge zur selben Zeit möchtest? Wenn du etwas ändern möchte, aber du keine Kraft dafür hast? Oder gar nicht weißt, wie du die Situation verändern kannst?

Dann gibt es eine Möglichkeit: Höre dem lebendigen Etwas zu. Es spricht zu dir.

Die Veränderung im Innern durch Focusing

Beim Zuhören ist die Desidentifikation am wichtigsten. Wenn man nämlich glaubt, selbst dieses lebendige Etwas zu sein, dann kann man ihm nicht zuhören. Doch das ist genau das, was dieses lebendige Etwas braucht: jemand, der bei ihm ist und ihm mit interessierter Neugier zuhört, ohne es zu bewerten und ohne es als unwichtig abzutun.

Das lebendige Etwas kann sich durch folgende Formen ausdrücken: Körperempfinden, Emotionen, Gedanken, Bilder und Erinnerungen. Mit Zuhören ist gemeint, dass man seine Aufmerksamkeit auf diese möglichen Formen des lebendigen Etwas lenkt.

Am Anfang nimmt man meistens nur eine Form wahr. Bleibt man mit seiner Aufmerksamkeit länger bei dieser Form, kommen vielleicht andere Formen hinzu. Werden alle Formen gleichzeitig bemerkt, hat man das lebendige Etwas vollständig erfasst. Es kommt in diesem Fall oftmals zu einem tiefen Verständnis. Zusammenhänge werden einem klar, die man vorher nicht begriffen hat. Du veränderst dich. Du bemerkst die Veränderung in deinem Körper.

Aber auch wenn man nur eine Form des lebendigen Etwas wahrnimmt und länger bei ihr bleibt, kommt es zu einer Veränderung. Vielleicht bekommt man neue Informationen, vielleicht auch nicht. Doch am wichtigsten sind die Veränderungen des lebendigen Etwas, denn dadurch verändert man sich auch selbst. Verändert man sich selbst, dann verändert sich die Wahrnehmung der äußeren Welt und damit verändern sich die eigenen Handlungen.

Das Lenken der Aufmerksamkeit auf das lebendigen Etwas, wird auch als Focusing bezeichnet. Diese Methode wurde von Eugene T. Gendlin [1] begründet. Er war der Frage nachgegangen, warum Psychotherapie bei einigen Menschen wirkt und bei anderen nicht. Dazu hatte er tausende von Sitzungen, die auf Band aufgezeichnet waren, ausgewertet. Das Ergebnis war, dass die Methode der Therapeuten eine überraschend niedrige Rolle spielte. Es lag an den Patienten und man konnte schon während des Beginns der Therapie sagen, welcher Patient erfolgreich sein würde. Das waren Menschen, die ihre Aufmerksamkeit auf ein Gefühl im inneren ihres Körpers richteten. Dieses zuerst unklare Gefühl kommt dadurch in den Focus und verändert sich im Körper.

Gendlin bezeichnete das lebendige Etwas als den Felt Sense. Focusing wurde von Ann Weiser Cornell [2] weiterentwickelt. Ann hat eine Webseite, auf der sie viel Material über Focusing zur Verfügung stellt.

Quellenangaben

[1] Eugene T. Gendlin, Focusing, Random House, Epub Version 1.0

[2] Ann Weiser Cornell, The Radical Acceptance of Everything, Calluna Press, First edition (April 2005)

 

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